Zwei Stunden Keynote, ein CEO-Abschied, ein komplett neues Siri und mehr neue Betriebssysteme als je zuvor. Die WWDC 2026 war keine gewöhnliche Entwicklerkonferenz — sie war ein Zeitenwechsel. Für Apple als Unternehmen, für die KI-Strategie und für jeden, der professionell mit Apple-Hardware arbeitet. Wir ordnen ein, was passiert ist, was es für uns bedeutet und wo Apple unsere Erwartungen übertroffen oder enttäuscht hat.

Die größte Nachricht: Siri wird mit Gemini komplett neu gebaut

Das war der Moment, auf den die gesamte Tech-Welt gewartet hat — und Apple hat nicht enttäuscht. Siri wurde von Grund auf neu gebaut. Nicht ein Update, nicht ein Facelift. Ein kompletter Neuaufbau, powered by einem custom 1,2-Billionen-Parameter Google Gemini Modell, das exklusiv für Apple trainiert wurde.

Die Architektur ist clever aufgebaut und folgt einem Drei-Stufen-Routing-Prinzip: Einfache Tasks — Timer setzen, Wetter abfragen, schnelle Kalendereinträge — bleiben komplett auf dem Gerät. Apple nutzt dafür eigene, kleinere Foundation Models, die direkt auf dem Neural Engine des iPhones oder Macs laufen. Mittlere Anfragen, die mehr Rechenleistung brauchen, gehen an Apples Private Cloud Compute — verschlüsselt, ohne persistente Datenspeicherung, auditiert. Und die schweren Reasoning-Tasks, die echtes Sprachverständnis und komplexe Analyse erfordern, werden an Google Cloud geroutet, wo NVIDIA Blackwell B200 GPUs das Custom-Gemini-Modell betreiben.

Siri wird zur eigenständigen App auf iPhone, iPad und Mac. Die Dynamic Island wird zum zentralen Einstiegspunkt mit einem "Search or Ask"-Prompt. Multi-Step-Befehle funktionieren jetzt: "Finde das Restaurant, das mir letzte Woche empfohlen wurde, reserviere einen Tisch für Freitag und schick meiner Frau die Bestätigung." Ein Satz, drei Aktionen, alles in einem Durchgang. Dazu persistente Gesprächshistorie via iCloud und die Möglichkeit, Bilder und Dateien als Anhänge mitzuschicken.

Craig Federighi hat es auf der Bühne so formuliert: Apple hat eine "tiefe Zusammenarbeit mit Google" gestartet. Das ist diplomatisch für: Apple konnte Siri alleine nicht auf das nötige Level bringen und hat sich den stärksten Partner geholt, den es gibt.

Unsere Einordnung: Spannend, aber auch beunruhigend. Apple macht sich für seine KI-Kernfunktion abhängig von Google — dem Unternehmen, das gleichzeitig der größte Konkurrent im Mobilmarkt ist. Die Drei-Stufen-Architektur ist clever und zeigt, dass Apple Datenschutz ernst nimmt. Aber die schweren Aufgaben — die, bei denen es wirklich um sensible Daten gehen kann — landen trotzdem in der Cloud. Für Datenschutz-bewusste Nutzer und Unternehmen ist das ein Kompromiss, den man kennen sollte.

iOS 27, macOS Golden Gate & alle neuen Betriebssysteme

Apple hat das komplette Lineup aktualisiert: iOS 27, iPadOS 27, macOS 27 "Golden Gate", watchOS 27, tvOS 27 und visionOS 27. Dazu ein komplett neues Betriebssystem: homeOS.

macOS Golden Gate bringt Verfeinerungen des Liquid Glass Designs, das mit macOS Tahoe eingeführt wurde. Die Transparenz-Effekte sind subtiler geworden, die Lesbarkeit besser. Wichtiger: Golden Gate ist die letzte macOS-Version, die noch Erwähnung von Intel-Kompatibilität enthält. Der Rosetta-Übergang ist damit offiziell abgeschlossen — ein Kapitel, das 2020 mit dem M1-Chip begann, wird 2026 endgültig geschlossen.

iOS 27 trägt intern den Codenamen "Deep Clean" — und der Name ist Programm. Apple hat den Fokus auf Akkulaufzeit und Stabilität gelegt. Weniger neue Features, dafür weniger Bugs. Das klingt unsexy, ist aber genau das, was Profis brauchen. Highlight für uns: Shortcuts können jetzt in Plain English geschrieben werden statt in Code-Blöcken. "Wenn ich ins Büro komme, schalte den Fokus auf Arbeit und öffne Slack" — einfach als Satz, Siri versteht den Rest.

homeOS ist komplett neu und wurde für den kommenden HomePad entwickelt — eine Kombination aus HomePod, 7-Zoll-Display und A18 Chip. Ein dediziertes Betriebssystem für das Smart Home, das Apple endgültig als Plattform für Heimautomatisierung positioniert.

Apple Intelligence wird erwachsen

Apple Intelligence war letztes Jahr der große Hype — dieses Jahr wird es konkret. Der spannendste Anwendungsfall: Agents in der Passwords-App. Apple Intelligence und Safari können jetzt "agentisch" handeln und automatisch unsichere Passwörter auf Websites ändern. Der Agent navigiert zur Website, findet das Passwort-Änderungs-Formular, generiert ein sicheres Passwort und speichert es — alles automatisch, während du zusiehst.

Foto-Bearbeitungen durch natürliche Sprache werden ebenfalls deutlich mächtiger. Nicht nur "mach den Himmel blauer", sondern komplexe Multi-Step-Bearbeitungen: "Entferne die Person im Hintergrund, korrigiere die Belichtung und wandle das Bild in einen cinematischen Look um." Ein Satz, drei professionelle Edits.

Und dann die Nachricht, auf die wir gewartet haben: Entwickler können jetzt andere Modelle neben Apple Foundation Models in ihre Apps einbinden. Das war einer unserer expliziten Wünsche in der Wunschliste. Apple öffnet die Plattform — nicht komplett, aber signifikant. Drittanbieter-LLMs können über das neue Core AI Framework in jede App integriert werden, mit Apples Qualitäts- und Privacy-Standards als Leitplanken.

Core AI ersetzt Core ML

Das ist die technisch vielleicht wichtigste Ankündigung der gesamten WWDC — auch wenn sie weniger Schlagzeilen macht als Siri. Apple hat ein komplett neues Framework vorgestellt: Core AI. Es vereint On-Device Foundation Models, Third-Party LLM-Integration und MCP-Routing unter einer einzigen, einheitlichen Swift API.

Das ist RIESIG für Entwickler. Bisher musste man für On-Device-Inferenz Core ML nutzen, für Cloud-Modelle eigene API-Calls bauen, für Apple Intelligence separate Intents definieren. Jetzt gibt es ein API für alles. Eine Anfrage, Core AI entscheidet basierend auf Komplexität und Verfügbarkeit, ob sie lokal, auf Private Cloud Compute oder bei einem Drittanbieter verarbeitet wird.

Die Apple Foundation Models selbst wurden in Zusammenarbeit mit Google entwickelt und basieren auf Gemini-Technologie. Sie laufen sowohl on-device als auch auf Private Cloud Compute. Das bisherige On-Device-Modell hatte 3 Milliarden Parameter — die neuen Foundation Models sind deutlich leistungsfähiger. Wir vermuten stark, dass Googles Gemma 4 12B die Grundlage für das On-Device-Modell bildet — dazu haben wir einen separaten Artikel geschrieben.

Tim Cooks Abschied

Der emotionalste Moment der Keynote kam am Ende. Tim Cook hat bestätigt, was seit Wochen durchsickerte: Er tritt am 1. September als CEO zurück und wechselt in die Rolle des Executive Chairman. Sein Nachfolger wird John Ternus, bisher SVP Hardware Engineering.

Ternus war bewusst nicht in der Keynote zu sehen — aber beim Apple-Dinner am Vorabend war er der zentrale Gesprächspartner für Entwickler und Partner. Ein Signal: der Übergang soll smooth sein, aber Cook wollte seine letzte Keynote für sich.

Cooks Abschiedsworte auf der Bühne: "Over the years, you have helped people connect, create, learn, and experience the world in extraordinary new ways." Standing Ovation im Steve Jobs Theater, tränenreiche Gesichter in der ersten Reihe.

Was bedeutet ein Hardware-Chef als neuer CEO für Apples Zukunft? Ternus hat den M1-Chip-Übergang geleitet, die Vision Pro verantwortet und das gesamte Hardware-Portfolio der letzten Jahre gestaltet. Er versteht, was Maschinen können. Die Frage ist, ob er auch versteht, was Menschen von Maschinen wollen. Cook war ein Operations-Genie, das Apple zur wertvollsten Firma der Welt machte. Ternus muss beweisen, dass er mehr ist als ein brillanter Ingenieur.

SiriKit wird deprecated — App Intents ist die Zukunft

Für Entwickler eine kritische Ankündigung: Apple hat eine formelle Deprecation-Notice für SiriKit ausgesprochen. Migrationsfrist: 2-3 Jahre. Danach wird SiriKit nicht mehr unterstützt. App Intents wird zum einzigen Framework für die Integration mit dem neuen Gemini-powered Siri.

Das ist konsequent: wenn Siri komplett neu gebaut wird, braucht es ein modernes Integration-Framework. App Intents ist flexibler, mächtiger und kompatibel mit dem Drei-Stufen-Routing. Aber für Entwickler, die noch auf SiriKit setzen, heißt das: jetzt umstellen oder abgehängt werden. Die Uhr tickt.

Unser Fazit — was hat Apple geliefert?

Wir haben vor fünf Tagen unsere Wunschliste veröffentlicht. Zeit für den Realitätscheck:

KI-Modellauswahl für Entwickler: Geliefert. Drittanbieter-Modelle können über Core AI in Apps integriert werden. Nicht ganz der systemweite Modell-Marktplatz, den wir uns erhofft hatten, aber ein massiver Schritt in die richtige Richtung.

Core AI Framework: Besser als erwartet. Ein einheitliches API für On-Device, Cloud und Drittanbieter-Modelle — das hat niemand in dieser Form kommen sehen.

128 GB RAM-Konfigurationen: Keine Erwähnung. Enttäuschend. Die Hardware-Lücke bleibt offen. Wer lokale LLMs auf 70B-Parameter-Level betreiben will, wartet weiter.

Mac Studio M4 Ultra: Keine Hardware-Ankündigungen. WWDC ist ein Software-Event, das wissen wir. Aber trotzdem — ein Teaser wäre nett gewesen.

Siri-Overhaul: Massiv geliefert. Aber die Google-Abhängigkeit ist ein Kompromiss, den wir so nicht auf unserer Liste hatten.

Apple hat bei KI mehr geliefert als erwartet — aber die Hardware-Frage bleibt offen. Wer lokale LLMs betreibt, wartet weiter auf mehr RAM.

Für BLICKPULS konkret: Die Core AI API ist spannend und wird unsere Arbeit als Entwickler verändern. Die Modell-Öffnung für Drittanbieter ist genau das, was wir wollten. Aber für unsere lokalen KI-Workflows — die Llama-70B-Inferenz auf Mac Studios, die DSGVO-konforme Datenverarbeitung, die eigenen Server — ändert sich heute nichts. Dafür brauchen wir Hardware-Updates: mehr RAM, schnellere Neural Engines, neue Mac Studios mit M5-Chips.

Die Software-Seite stimmt jetzt. Die Hardware muss nachziehen. Apple hat die Richtung klar gemacht: KI ist die Zukunft der Plattform. Jetzt müssen sie den Profis, die diese Zukunft bauen, auch die Werkzeuge dafür geben.